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Fallgeschichte 4

Ein Mann zwischen zwei Frauen

Roland meldet sich für ein Beratungsgespräch an. Er will zunächst alleine kommen, um seine derzeitige Situation abzuklären.

Roland ist Anfang vierzig, beruflich erfolgreich in einem größeren Unternehmen als Personalchef tätig. Er ist seit 12 Jahren verheiratet, hat 2 Kinder mit 8 und 11 Jahren.

Die vergangenen Jahre waren geprägt zum einen durch großes berufliches Engagement. Immer häufiger hat er seine Unterlagen auch am Wochenende mit nach Hause genommen, um wenigstens das wichtigste aufarbeiten zu können. Auf der anderen Seite hat auch die Familie ihr Recht gefordert. Vor allem der 8 jährige Sohn hängt sehr an seinem Vater. Roland und seine Frau haben vor 6 Jahren ein Haus gebaut und sind aufs Land gezogen. Seine Frau fühlt sich zwar im Haus wohl, hat aber im Dorf trotz Kinder nicht viel Anschluss gefunden. Sie ist unzufrieden, weil sie sich von ihrem Mann häufig im Stich gelassen fühlt. Er hat nur noch wenig Zeit für sie. So blieb die einstige Liebe der beiden irgendwo auf der Strecke liegen.

Roland fühlt sich schuldig und ratlos. Er hat seit einigen Monaten eine Affäre mit einer Kollegin. Nie hätte er gedacht, dass ihm so etwas passieren könnte. Die beiden haben viele gemeinsame Interessen und so kamen sie sich in der Firma zunächst freundschaftlich, dann sexuell näher. Roland fühlt sich geschmeichelt, denn die Kollegin ist wesentlich jünger als er und sehr attraktiv. Vor 2 Wochen entdeckte Rolands Frau die Affäre und es brach eine Welt für sie zusammen.

Roland fühlt sich zwischen beiden Frauen hin und her gerissen. Zur Kollegin spürt er eine große Verliebtheit, zu seiner Frau und den Kindern ein starkes Verantwortungsgefühl. Er sieht keinen Ausweg aus dem Dilemma.

Zunächst erleichtert es Roland sehr, über sein Problem reden zu können; so werden seine Gedanken wieder klarer und strukturierter. Nach 2 Gesprächen bringt Roland seine Frau Cordula mit. Sie hat sich inzwischen wieder ein wenig stabilisiert und kommt mit großen Erwartungen in die Praxis. Natürlich will sie, dass ihr Mann sofort die Affäre beendet. Sie will einen Neubeginn mit ihm wagen. Ihr ist klar, dass vieles zwischen den beiden in den letzten Jahren nicht in Ordnung war, trotzdem glaubt sie an eine gemeinsame Zukunft.

Die Gespräche drehen sich immer wieder um den unlösbar scheinenden Konflikt der Dreiecksbeziehung. Zwischen den Paargesprächen kommt Roland auch alleine zur Therapiesitzung, um Klarheit in seine Gedanken und Gefühle bringen zu können.

Für Cordula ist diese Zeit sehr hart; viele sich widersprechende Gefühle toben in ihrem Inneren. Einerseits will sie ihrem Mann die Zeit lassen, die er für seine Entscheidung braucht, andererseits fühlt sie sich betrogen und gedemütigt und würde am liebsten mit den Kindern ausziehen.

Nach einem gemeinsamen, sehr harmonischen Urlaub sieht Roland wieder ein Licht am Horizont. Die verschütteten Gefühle zu seiner Frau sind neu aufgeblüht. Vom Verstand her wusste er natürlich schon lange, dass die Beziehung zur Kollegin keine Zukunft haben würde. Die intensiven Gefühle waren aber stärker als die Vernunft. Roland sprach sich mit seiner Kollegin aus, doch es tat ihm in der Seele weh, sie durch seine Entscheidung verletzen und enttäuschen zu müssen.

Roland und Cordula wissen, dass ein Neuanfang schwer sein wird. Sie wollen die früheren Fehler nicht noch einmal machen und kommen regelmäßig monatlich zur Therapiesitzung. Sie lernen beide viel über sich und den anderen und haben nach der Krise eine intensivere und liebevollere Beziehung als die Jahre davor. Es wird ihnen klar, dass sie bisher das gemeinsame Miteinander sehr vernachlässigt haben. Beide waren nicht mehr attraktiv für den anderen. Roland, vor allem aber auch Cordula, muss lernen, für den anderen dazusein, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

Die Balance zu finden zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Anfoderungen und Erwartungen der anderen ist ein lebenslanger Weg, der uns immer wieder zu uns selbst, aber auch zum Partner zurückbringt.

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